© Florian Profanter

 

1. Der Blick in die Nacht

 

Bolek lehnte am Stamm der mächtigen Eiche. Der kalte Wind kündete bereits den nahenden Winter an, die kristallklare Nacht breitete ihren Mantel über die karge und zerklüftete Gebirgslandschaft aus. Die Blätter waren schon lange davon gerissen worden, nur die kahlen Äste und Zweige streckten sich dem unendlichen Nachthimmel entgegen. Der Mond stand noch tief und tauchte den Alten in silbernes Licht. Er hatte eine Decke über die angewinkelten Beine gezogen, sein Pferd schnaubte irgendwo hinter ihm und scharrte mit einem Huf über den felsigen Boden. Das kleine Feuer knackte leise als er einen weiteren Zweig hineinwarf.

 

Bolek hob den Blick wieder gen Himmel, verharrte kurz auf dem Silberrund, dann sah er weiter hoch, ins unendliche Sternenmeer. Myriaden von Lichtern spiegelten sich in seinen graublauen Augen. Dort erkannte er den Hirsch, prächtig leuchtete sein Geweih, nicht weit davon schien der Schwan durch die leuchtende Sternensee zu schwimmen. Ein ganzes Stück weiter höher, neben dem Reh, funkelte ein einzelner Stern. Oreas, wie Bolek mittlerweile wusste, gehörte einmal zum Sternbild des Jägers, aber das war lange vor seiner Zeit. Er zog die Beine noch weiter an, eine kurze Böe lupfte die Decke von seinen Füßen, mühsam streckte er sich und hörte dabei seine alten Knochen knacken. Endlich hatte er sich wieder eingemümmelt.

 

Seine Gedanken schweiften ab, er erinnerte sich an seine Aufregung als ihm die seltsame Schriftrolle in die Hände fiel. Fremde Durchreisende hatten allerlei Krimskrams im Dorf verkauft, hatten eingetauscht was sie bei ihrer Weiterreise nicht brauchen konnten. Felle und Nahrung, Messer und Schaufeln, Äxte und Leder hatten Sie gesucht und auch bekommen. Er, Bolek, hatte einem von ihnen eine Flasche Feldyerwein angeboten für bare Münze, wurde dann aber mit einem Bündel Pergamenten und einer leichten Weste abgespeist. Die Weste zerriss schon nach drei Tagen und er hatte den Fremden nachgeflucht, aber seine alten Augen hatten sich ans Lesen erinnert und immer neugieriger war er in den altertümlichen Texten versunken. Ein weiterer Ast knackste im Feuer, ein Funke stieg auf und legte sich auf seine linke Hand. Hastig schüttelte er ihn ab, wurde dadurch ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Schlussendlich saß er nun wegen dieser einen sonderbaren Schriftrolle hier, um, wie den ganzen Sommer lang schon, allabendlich in den Nachthimmel zu gucken und Ausschau nach dem zu halten, was undenkbar war und doch passieren musste. Denn davon war er mittlerweile überzeugt, was er gelesen hatte klang zwar mehr als abenteuerlich und an manchen Stellen war es gewiss auch übertrieben, aber dennoch würde das eintreffen worauf niemand mehr zu hoffen wagte: der Barde würde zurückkehren.

 

Wieder heftete er den Blick auf Oreas und bewunderte das stete und dennoch unaufdringliche Funkeln. Es gab Sterne die heller strahlten und näher schienen, aber Bolek schien es so als könnte keiner diese stille Schönheit übertreffen. Er schüttelte den Kopf. Was für ein Schwachsinn, als könne ein Stern schöner strahlen als andere. Ächzend erhob er sich um die steifgefrorenen Glieder auszuschütteln und sich ein wenig zu bewegen. Der Alte wusste dass er hier oben vorsichtig sein musste, jeder unvorsichtige Schritt konnte den sofortigen Sturz in den Tod zur Folge haben. Er stieß einen Stein über den nahen Abgrund, das schwache Klickern wurde alsbald vom pfeifenden Wind verschluckt. Er war froh über den schwachen Schein, den das lebhaft flackernde Feuer warf und drehte sich zu seinem Pferd. Es hatte sich ein wenig entfernt, genau so weit wie es die um den Stamm gebundenen Zügel zuließen und zupfte an halbverdorrten Grasstengeln unter einem dornigen Busch.

 

Bolek bückte sich nach der Decke, schwang sie sich um die Schultern und ging die wenigen Schritte zu dem Ross. Er war hungrig und freute sich schon auf das gepökelte Fleisch in der Satteltasche. Zusammen mit dem Kanten Brot würde es zum Abendmahl reichen. Er tätschelte dem Pferd beruhigend auf die Flanke und griff in die Tasche. Er musste ein Weilchen kramen, bekam dann aber das Brot zu fassen und zog es heraus. Hungrig schlug er die Zähne hinein während er eine Hand schon wieder in die Satteltasche wandern ließ auf der Suche nach dem Fleisch.

 

Plötzlich zuckte das Pferd zusammen. Bolek schaute auf, das Brot steckte ihm noch quer im Mund, als das Ross stieg und mit den Hufen wild um sich schlug. Es traf den Alten mitten auf die Brust. Bolek fühlte, wie ihm jeglicher Atem aus den Lungen gepresst wurde, sofort wurde ihm übel und zugleich schwarz vor Augen. Aber er fing sich wieder, krallte sich mit der anderen Hand in die Mähne und versuchte zu erkennen, was dem Pferd so einen Schrecken eingejagt hatte. Dieses aber war weder beruhigt noch friedlicher geworden, im Gegenteil, es warf sich herum und bockte wo es nur konnte. Es warf die Hinterbeine in die Luft, sprang auf den Baum zu und wieder weg, die Zügel hielten es noch, aber es war nur eine Frage der Zeit bis es mit diesem tollkühnen Tanz freikam. Schreiend versuchte Bolek auf das Pferd zu springen, hoffend dabei nicht abgeschüttelt zu werden und wich so gut es ging den Hufen aus. Die eine Hand war noch immer in der Satteltasche verfangen als er nach dem Knauf greifen wollte um sich hochzuziehen, aber das Ross erneut bockte. Diesmal streifte es ihn mit einem der Hinterhufe, er konnte regelrecht spüren wie ihm ein Knochen an der Schulter ins Fleisch getrieben wurde. Er schrie vor Schmerz und ließ los, erkannte aber dass das sein größter Fehler war. Der wilde Ritt mit dem Pferd hatte ihn unbemerkt an den Abgrund getragen, er stand an der steil abfallenden Felswand, eine Hand in der Satteltasche, mit dem freien Arm ruderte er trotz der gewaltigen Schmerzen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. In diesem irrsinnigen Augenblick sah er den rötlichen Schimmer am Nachthimmel. Boreas, der schönste Schein am Firmament, leuchtete nicht mehr bleich und kalt sondern feurig rot, wie die Glut inmitten des kleinen Feuers.

 

Vielleicht war es dieser Anblick der auch das Tier beruhigte, vielleicht hatte es einen ganz anderen Grund, jedenfalls war der wilde Ritt vorbei als hätte es ihn nie gegeben. Heftig schnaubend blieb das Pferd stehen wo es war und ließ es zu, dass Bolek sich näher zu ihm zog. Die Todesangst lag noch in seinen Knochen, ermattet ließ er seine schweißnasse Stirn an das Leder des Sattels sinken und atmete tief ein und aus bis auch er sich wieder gefangen hatte. "Verdammter Gaul" schimpfte er und sah endlich den Dorn der in der Flanke steckte. Bolek griff danach, zog ihn mit einem Ruck heraus, aber mehr als ein Zittern löste er damit nicht aus. Er hielt den blutbesudelten Dorn ins Sternenlicht. Das Lebenselixier hatte die gleiche Farbe wie das Leuchten Oreas.