© Florian Profanter

 

2. Die verlorenen Nägel

 

Das Pochen hörte nicht auf. Alles war dunkel, kein Lichtstrahl zeigte sich, Eldryn war als schwebte er in einer Wolke, die ebenso gegenstandslos war wie alles in diesem Raum. Oder war es doch eine Höhle? Er zweifelte ob es überhaupt etwas war, das sich in eine räumliche Vorstellung pressen ließ. Weder konnte er sich erinnern, wie er hierhergekommen war, noch wie lange er hier schon verweilte, in diesem Zustand, an diesem Ort. Wieder pochte es. Nein, kein Pochen, es hörte sich eher an als schlage jemand mit einem gewaltigen Hammer auf einen Holzblock oder sonst etwas das dumpf klang und nicht nachhallte. Die Schlagzahl änderte sich, aus einem manchmal hektischen, dann wieder monotonem Aufprallen wurde ein Rhythmus. Eldryn erkannte eine Abfolge von Schlägen, die sich wiederholte. Sie brachte seine Gedanken durcheinander, langsam schüttelte er den Kopf, dann ballte er die Hände zu Fäusten.

 

Heftig atmend wachte er auf. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, das Hemd war feucht, die alte löchrige Decke hatte er im Schlaf von sich gestrampelt. Irritiert sah er an die Decke, das fahle Morgenlicht fiel auf die Schnur, an der sein Wams und seine Hose hingen. Eldryn wusste jetzt schon, dass sie sich feucht und klamm anfühlen würden sobald er in sie schlüpfte. Wieder hämmerte es gegen das Holz. Erschrocken zuckte er zusammen, ein Fiepen im Stroh zeugte davon, dass er auch die Maus erschreckt hatte. Angeekelt versuchte er so schnell wie möglich auf die Beine zu kommen und strauchelte dabei prompt über seine eigenen Füße. Polternd ging er zu Boden. "Was treibst du da drinnen, Bengel?" schallte es von der Tür her. Sie öffnete sich und Thurbolds stattliche Erscheinung füllte den Rahmen beinahe vollständig aus. Eldryn verstand erst jetzt, dass dieses Hämmern von dessen Schläge gegen die Tür stammte. Er hatte erneut verschlafen, wie beinahe jeden der letzten Tage in den vergangenen zwei Wochen. "Mach dass du auf die Beine kommst." brummte Thurbold und wandte sich um. "Frathia wartet nicht ewig auf dich." Beklommen stand Eldryn auf und griff nach Wams und Hose. Wie er befürchtet hatte, waren sie unangenehm, aber das würde sich bald legen.

 

Endlich erschien er unten in der Küche. Zögernd stand er da und beobachtete Frathia, Thurbolds Frau. Wie immer hatte sie ihr blondes Haar unter die Haube gesteckt und zwei Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Das blaue Gewand hatte schon bessere Tage gesehen, aber sie bestand darauf, dass man alles nähen konnte, selbst die fadenscheinigste Kleidung mit den größten Löchern darin. "Nun komm schon her und wünsch mir einen guten Morgen". Frathia hatte sich weder umgedreht, noch sonst irgendwie zu erkennen gegeben, dass sie ihn bemerkt hatte, aber Eldryn wunderte sich schon längst nicht mehr darüber. Mit wenigen Schritten hatte er die Kochstelle erreicht und stand neben ihr. Sofort wurde ihm ein hölzerner Becher mit dampfender Suppe und einem Stück Brot in die Hand gedrückt. "Beeil dich, Thurbold und Kajer sind schon in der Schmiede.", meinte sie und schenkte ihm das Lächeln, mit dem sie ihn schlussendlich jeden Morgen begrüßte, egal ob er verschlafen hatte oder nicht. Rasch fuhr sie ihm mit einer Hand ins braune wuschelige Haar und pflückte zwei Strohhalme daraus. "Nicht dass du uns noch abbrennst.", schmunzelte sie, gab ihm eine sanfte Kopfnuss und schob ihn zum Tisch. "Danke.", brachte Eldryn endlich heraus "und guten Morgen.". Wie meist krächzte seine Stimme beim Sprechen und sofort errötete er. Eldryn hasste es sich selbst zu hören. Seit einem halben Jahr wusste sein Körper scheinbar nicht, ob er eines Tages wie ein Weib oder doch wie ein Mann klingen sollte. Ständig fiel er vom Hoch ins Tief und umgekehrt. Verlegen wandte er sich dem Becher zu, pustete zweimal hinein und zwang sich, die aromatische Suppe so schnell wie möglich auszutrinken. Den Kanten Brot schob er sich in die Tasche seines Wamses, dann legte er den leeren Becher in den mit Wasser gefüllten Eimer und zog sich die Stiefel an. Zumindest die waren angenehm warm, denn er stellte sie jeden Abend neben die Feuerstelle. Er suchte Frathias Blick und verabschiedete sich mit einem Nicken, das zugleich Dankbarkeit als auch Gruß bedeuten sollte. Sie nickte und lächelte zugleich. Vermutlich war es ihr egal, ob er krächzte oder jaulte, solange er ihr freundlich begegnete. Eldryn zeigte es nicht aus Schamgefühl, wusste es aber doch zu schätzen.

 

Er schloss die Tür hinter sich und machte sich auf den kurzen Weg zur Schmiede. Sie lag am Ende des Dorfes, das Wohnhaus des Schmieds am Platz. Der Wind fegte die Asche des letzten großen Feuers über die platt gestampfte Erde, ein nebeliges

Grau spendete genug Licht, um die bescheidenen Holzbauten sehen zu können. Eldryn kannte jeden Balken der gezimmerten Bauten, wusste um jede Schindel auf den Dächern, er konnte mit geschlossenen Augen der Straße folgen. Der Geruch von Holz und Asche stieg ihm in die Nase. Die Bewohner von Grünwald befeuerten ihre Häuser mittlerweile auch dann, wenn sie nicht kochten. Seit einigen Wochen stieg der Rauch aus den Dächern, viel zu früh dieses Jahr. Die Älteren murrten zwar, dass der Herbst dieses Jahr ein sehr kurzes Gastspiel gegeben hatte, aber niemand sorgte sich deswegen.

 

Eldryn folgte der Straße an den Gartenbeeten der Nachbarn vorbei, dann musste er noch Mocks Ziegenstall umrunden und schon sah er die Schmiede. Obwohl sie nur eine Werkstatt war, zeugten die Schnitzereien an den Dachsparren davon, dass ihr Besitzer Wert auf das Äußere gab. Der Junge konnte zwar noch kein Hämmern hören, aber auch hier stieg der Rauch schon auf. Die Schmiede besaß als einziges Gebäude einen gemauerten Kamin, alle anderen Rauchfänge waren mit gegerbten Fellen ausgehängt. Der Grund lag nahe, denn Funken flogen quer durch die Schmiede, sobald Thurbold die schweren Hämmer auf das glühende Metall sausen ließ.

 

Eldryn öffnete die große Tür, sofort schlug ihm eine Hitzewelle entgegen. Das Lachen des Schmiedes erfüllte den Raum, er schien heute gute Laune zu haben. Es erklärte wohl auch, warum er Eldryn ohne eine Zurechtweisung zunickte und ihn umgehend an den Blasebalg beorderte. Dort stand schon Kajer und grinste ihn an. "Komm schon Kleiner" meinte der, "mach weiter". Eigentlich war es Eldryns Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Asche wieder zur Flamme und schließlich zur gleißenden Lohe wurde, aber heute hatte wohl Kajer dafür gesorgt. So brauchte der Junge nur noch den Blasebalg konstant zu drücken und zuzusehen wie Vater und Sohn aus ungeformten Metall Schaufeln, Pflugscharen, Messer, Äxte und vieles mehr schmiedeten. Sein Blick schweifte ab, zu den Schwertern die an der Wand hingen. Thurbold hatte sie einst geschmiedet, wie der ihm einmal in bierseeliger Laune zugeraunt hatte. Sie waren seine Meisterstücke gewesen als er in Algerdaun seine Lehrjahre beendet hatte. Die Waffen waren in geöltes Leder geschlagen um sie vor dem Zahn der Zeit zu schützen, ein Gehänge oder eine Scheide fehlten. Die Griffe der drei Schwerter glänzten matt im düsterroten Schein der Esse. Das monotone Klingklang der fallenden Hämmer machte jedes Gespräch unmöglich, der Schweiß schrieb sich schon wieder auf die Körper der drei als ein Windstoß die Flammen höher schlagen ließ. Eldryn wandte den Kopf und sah einzelne Schneeflocken durch die aufgeschwungene Tür herein treiben, Thurbold und Kajer reagierten gar nicht 'Jetzt schon' fragte er sich und wunderte sich über den Schnee, der sogleich zerrann, dann nahm den Fuß vom Blasebalg. Es tat ihm gut ein paar Schritte zu gehen; zwar war er die Arbeit gewöhnt, aber dennoch spürte er bereits jetzt das Ziehen in den Schenkeln und Waden.

 

Er ging zur Tür und wollte sie gerade zuschlagen als sich jemand von der anderen Seite dagegenstemmte. Eldryn zog sie ganz auf, dann sah er Bolek vor sich stehen. Er war in dickes Fell gehüllt, eine Mütze hing schief auf seinem Kopf, in seinem Haar glänzten weitere Schneeflocken. "Mach Platz" raunte der alte Bolek den Jungen an und schob sich in die Schmiede. Eldryn zog die Tür wieder zu und ging zurück zum Blasebalg. "Bolek" grüßte Thurbold  mit seiner Bärenstimme und legte den Hammer beiseite. Mit einem Nicken bedeutete er seinem Sohn dasselbe zu tun. Alles andere wäre unhöflich dem Gast gegenüber. "Was führt dich zu mir?" Der Alte sah sich in der Schmiede um. Eldryn bemerkte dass sein Blick kurz an den Waffen hängenblieb. "Mein Pferd natürlich" antwortete Bolek grimmig und neigte zugleich den Kopf als Gruß. Thurbold deutete zur Tür und folgte Bolek nach draußen. 'Wie seltsam,' dachte sich Eldryn und bemerkte erst jetzt dass er noch immer den Balg trat. Er ging ans Wasserfass und trank ein  paar Schluck mit der hölzernen Schöpfkelle. 'Stand Bolek schon eine Weile draußen? Oder hat doch der Wind die Tür aufgestoßen?'

 

Das Wasser war warm, fast schon brackig, aber dennoch trank er bis von draußen erneuter Lärm nach innen drang. Verwundert hängte er die Kelle an das Fass und öffnete die Tür. Dort standen sein Meister und dessen Sohn über ein Bein von Boleks Pferd gebückt. Bolek stand daneben, eine Hand am Sattel, alle drei sahen zu einem vierten Mann auf, der auf seinem Pferd saß. Ein schmutzig weißes Tuch bedeckte Mund und Hals, war bis auf den Nasenrücken hochgezogen. Die Augen blickten gehetzt. Der Reiter hatte einen weiten grauen Umhang übergeworfen, der mittlerweile schwer vom weißen Nass schlaff über dem Mann bis zu den Flanken des Pferdes hing. An dessen linken Vorderbein hatte sich ein dünnes Rinnsal dunkler Flüssigkeit im Fell festgesetzt. 'Blut?'  Das Schneetreiben war dichter geworden, dennoch erkannte Eldryn sofort, dass mit dem Fremden etwas nicht stimmen konnte. Sein Blick irrte wild umher, blieb kaum an einem der Männer haften, verlor sich immer wieder in die Umgebung, als würde er panisch nach etwas suchen. 'Oder nach jemandem? ' Thurbolds Gesicht war rot vor Zorn. "Wie könnt Ihr es wagen?" blaffte er den Fremden an. "Ihr wartet bis Ihr dran seid oder aber ihr behuft Euer Pferd selbst." Eldryn ahnte, was los war. Sein Meister konnte es nicht leiden wenn man ihn zur Eile trieb. Der Fremde hatte wohl verlangt, vor Bolek versorgt zu werden. "Ihr wisst wohl nicht mit..." klang es unter dem Tuch hervor. Die Stimme war brüchig, klang erschöpft. "Nein!" schnitt Thurbold ihm das Wort ab, "Es ist mir auch komplett gleichgültig ob ihr Graf Eodon oder der Schneekönig selbst seid! Ihr habt zu warten."

 

Ohne ein weiteres Wort wandte der Schmied sich ab und bückte sich wieder über das Bein von Boleks Pferd, das immer noch von seinem Sohn gehalten wurde. Der Fremde blickte auf den Schmied nieder, während er die Zügel an den Sattelknauf band. "Dann" hörte Eldryn "erlaubt wenigstens, dass ich mich drinnen aufwärme, bis Ihr fertig seid." Der Junge hörte die kaum verhaltene Wut und Ungeduld des Reiters wohl heraus, aber seinen Meister schien es kaum zu stören. Er nickte nur anstatt zu antworten. Der Fremde hatte es wohl auch gesehen. Eldryns Nackenhaare sträubten sich als er den Blick sah, mit dem der Reiter Thurbold bedachte. Nein, diesen Mann sollte man sich besser nicht so leichtfertig zum Feind machen. Er beobachtete wie der Mann von seinem Pferd stieg und dabei ein leises Stöhnen von sich gab. 'Was ist mit ihm?' fragte sich der Junge und starrte ihn fasziniert an. Humpelnd kam der Fremde auf ihn zu. "Lass mich vorbei Junge oder ich vergesse mich." raunte der Mann Eldryn an. Hastig machte Eldryn einen Schritt zur Seite. Die pure Mordslust schoss aus den stechenden Augen. Sie waren von einem seltsamen Braun, aber mit einer gelben Patina belegt, die mehr als ungesund auf ihn wirkte. Der Fremde streckte den Arm und schob die Tür weit auf. Dabei klaffte sein Umhang breit auf. Staunend erhaschte Eldryn einen Blick auf einen Greifvogel, der kunstvoll in ein glitzerndes Wams gearbeitet war. 'Er trägt ein Kettenhemd' schoss es ihm durch den Kopf. 'Bei den Göttern, welcher Herr reitet allein durch die Gegend? ' Hastig sah Eldryn sich um, aber Thurbold und Kajer waren noch immer über das Pferdebein gebeugt. Bolek hingegen starrte Eldryn an. Hastig schlug der Junge die Augen nieder und wollte sich zu den dreien begeben, als aus der Schmiede ein Aufschrei erklang.

 

Erneut wurde die Tür aufgestoßen. "Das Schwert und der Dolch..." stammelte der Fremde, der nun inmitten der Tür stand und nach hinten gestikulierte. "Woher hast du die Waffen?" schrie er den Schmied an. Seine Stimme überschlug sich dabei, Eldryn glaubte, Wahnsinn darin zu erkennen. Der Fremde eilte auf sein Ross zu und zog sich in den Sattel, hustete dabei. Der Schmied starrte den Fremden dabei ungläubig an. "Du Irrer" spie der Fremde weiter aus, "du hängst Macht und Tod an deine Wand als wären es Trophäen!" Er löste die Zügel vom Sattelknauf, stieß dem Reittier in die Flanken, dass es stieg und wiehernd mit den Hufen schlug. Einen Lidschlag später galoppierten Ross und Reiter im wahnwitzigen Tempo ins dichte Schneetreiben davon, von den Anwesenden ungläubig beobachtet. Kajer fand als erster die Sprache wieder. "Was war das?" fragte er seinen Vater neugierig. Der aber senkte den Blick. "Frag nicht dumm. Eldryn..." rief er und schmiss zornig den Hammer davon. Es war so ganz und gar nicht Thurbolds Art und Weise, durch die Gegend zu schreien, schon gar nicht gegenüber seinem eigenen Sohn. Eldryn aber stand noch immer neben der Tür und blickte mit offenem Mund dahin, wo der Fremde im dichten Treiben verschwunden war.

 

"Eldryn" hörte er den Schmied nun schreien, schreckte endlich auf und rannte hastig zu ihm. "Bring mir einen neuen Nagel Bengel. Auf, mach dich davon". Erschrocken über die rüde Art Thurbolds wich er einen Schrick zurück. Dabei fing er Boleks Blick auf, der ihm nicht weniger ratlos vorkam als der Kajers. Der Alte nickte ihm zu. "Geh schon, ich will nicht ewig hier stehen." Eldryn drehte sich um und rannte in die Schmiede. Trotz der offenen Türe spürte er sofort die Wärme der Feuer. Erstaunt und fassungslos über das Ereignis hastete er zur großen Werkbank, griff wahllos nach einer der vielen kleinen Holzkisten, wandte sich um und wollte schon wieder raus rennen zum wütenden Schmied, dabei verfing sich sein Arm an etwas und die Kiste flog davon. "Nein" flüsterte Eldryn panisch und hörte das Klirren der vielen Nägel, die sich über den ganzen Boden verteilten. 'Das sammle ich später auf oder aber Thurbold zieht mir den Hosenboden lang' dachte er, bückte sich nach einem der Metallstifte und rannte los. Endlich angekommen drückte er dem Schmied den Nagel in die schwielige Hand. Der aber blickte ihn nur wütend an. "Meinen Hammer" herrschte er ihn an. Eingeschüchtert wich Eldryn zurück. So hatte er seinen Meister wirklich noch nie gesehen. "Vater" rief Kajer "beherrsche dich.". Der Schmied wandte sich zu seinem Sohn und wollte wohl gegen ihn angehen, als sich plötzlich Bolek dazwischenschob. "Hier" sagte der Alte ruhig, "und nun mach endlich, ich will an mein Feuer ehe mir der Schnee die letzte Wärme aus den Knochen treibt.".

 

Langsam griff der Schmied nach dem Hammer, schnaubte dabei und setzte den Nagel an. "Junge, geh rein, du hast hier nichts mehr zu tun." raunte Bolek Eldryn zu. Dankbar nickte der Junge. Tatsächlich, er hatte drin etwas zu tun, das erledigt sein sollte ehe der wütende Thurbold das Malheur sah. Er trat in die Schmiede und machte sich daran, die Nägel einzusammeln. Dabei ließ er sich wieder und wieder das Geschehene durch den Kopf gehen, konnte sich aber keinen Reim darauf machen. 'Was meinte der Fremde mit Macht und Tod? Was sollte mit den Schwertern sein, die da unschuldig hingen? ' Wie von selbst fand sein Blick die im flackernden Licht des Schmiedefeuers glänzenden Waffengriffe. 'Und warum sprach er von einem Dolch? ' Eldryn beschloss, sich die Waffen genauer anzusehen, aber erst, nachdem er die Nägel eingesammelt hatte. Schließlich wollte er keine Strafe riskieren, die vielleicht größer als normal ausgefallen wäre. Er sah sich um, entdeckte hier einen, sammelte dort einen und glaubte schon, alle gefunden zu haben als er aus den Augenwinkeln ein kurzes Aufglänzen hinter dem Wasserfass erspähte. 'Das sollte der letzte sein' dachte er sich, stellte die Kiste auf die Werkbank und trat ans Fass heran. Dieses warf, wie auch der große Amboss und die gestapelten Eimer davor, einen langen Schatten, so dass Eldryn sich bücken musste, um den Nagel zu suchen. 'Komm schon, verdammt' ging es ihm durch den Kopf, er tastete umher und suchte weiterhin den Boden ab. "...sein, dass ein Fremder dich so in Rage bringt?" Erschrocken sprang Eldryn auf. Kajer und Thurbold hatten die Schmiede betreten. Er hatte sie nicht gehört und vergessen, die Tür hinter sich zu schließen. "Du hast ja gewirkt, als wolltest du das eher Pferd totschlagen als neu zu behufen. Sei froh dass Bolek ein so geduldiger Mensch ist".

 

Die beiden hatten Eldryn noch nicht bemerkt. Was sollte er bloß tun? Hinter dem Fass hervorspringen? Stattdessen bückte er sich erneut tief in den Schatten und hielt die Luft an. Nein, es kam nicht oft vor, dass Thurbold so niedergeschlagen wirkte. 'Ich will mir anhören, wohin es führt.'. "Thurbold und Kajer gingen an die Esse und setzten sich auf zwei Stühle. Der grob gezimmerte Tisch zwischen  ihnen diente als Ablage für Hämmer und Zangen aller Art. Thurbold griff nach einem der Hämmer und hielt ihn ins Licht. Aus den Schatten sah Eldryn wie der Schmied gedankenverloren damit spielte, ihn drehte und wendete. "Wer war dieser Fremde überhaupt?" sprach Kajer weiter. "Seltsam genug dass er plötzlich auftauche. Noch dazu allein, bei diesem Wetter und offensichtlich verwundet". 'Verwundet?' Jetzt, wo Kajer es erwähnte, erkannte auch Eldryn die Wahrheit in den Worten. Aber der Fremde war nicht nur verwundet gewesen, Eldryn glaubte auch dass er krank war oder entkräftet. "Ich kenne den Mann nicht." brummte der Schmied. Man merkte ihm an, dass er ebenso ratlos war wie sein Sohn. Dennoch kam es Eldryn fremdartig vor, dass Thurbold so einsilbig antwortete. "Was meinte er mit Tod? Und wie nannte er die andere Waffe noch?" fragte Kajer weiter, streckte dabei die Beine aus und ließ seinen Vater nicht aus den Augen. "Macht..." antwortete Thurbold, "er nannte sie Macht".

 

Der Schmied blickte noch immer auf den Hammer in seiner Hand. "Aber... ich verstehe das nicht. Die hast doch du geschmiedet, Vater. Wie kann er so etwas behaupten?" "Er ist wohl verrückt." antwortete der Schmied, beugte sich nach vorne, umschloss den Hammer und senkte den Blick darauf. 'Das glaube ich nicht' schoss es Eldryn durch den Kopf. Seit wann lässt Thurbold die Schultern hängen? Er beobachtete Kajer wie er plötzlich aufstand, seinen Stuhl an die Wand schob und die Waffen herunternahm. Der Sohn betrachtete sie kurz, stieg wieder vom Stuhl und wickelte das Leder von den Schneiden. Anschließend trat er wieder an den Tisch und warf die Waffen darauf. Mit einem lauten Scheppern kamen sie vor dem Wortkargen zum erliegen. Thurbold blickte erschrocken auf. "Was" begann er, wurde aber sogleich von seinem Sohn unterbrochen. "Erklär es mir, Vater. Was ist mit diesen Waffen? Und warum sprach er nur von zweien wo doch drei hier hängen?"

 

Die Situation war abstrus. Der große starke Thurbold saß inzwischen zusammengesunken wie ein Häufchen Elend in seinem Stuhl, den Hammer auf die Knie gesenkt, mit geschlossenen Augen. Kajer stand vor ihm und blickte auf ihn hinab. Eldryn versuchte so flach wie möglich zu atmen um ja nicht gehört zu werden. "Es ist schon viele Jahre her, weißt du?" begann der Schmied zu sprechen. "Ich hatte meine Lehre bereits abgeschlossen".  "In Algerdaun" unterbrach ihn Kajer.  "Ja, in Algerdaun" bestätigte Thurbold und was Eldryn verwunderte, er regte sich nicht darüber auf, dass er unterbrochen worden wurde. "Eigentlich hätte ich jederzeit losziehen können, um meine eigene Schmiede zu eröffnen. Ich hatte die Prüfungen vor den Meistern der Stadt bestanden. Aber... der alte Moslin wollte mich nicht ausbezahlen. Er meinte, ich sei nicht gut genug, noch nicht reif genug, um selbst den Hammer schwingen zu können. Paah... ". Donnernd fuhr die mächtige Faust Thurbolds auf den Tisch und ließ das Werkzeug darauf klirren. "In Wirklichkeit..." sprach er weiter, griff wieder zu dem kleinen Hammer auf seinen Knien und begann erneut damit zu spielen, "...in Wirklichkeit wollte er mich nicht ausbezahlen. Denn da war  Fjola, seine Tochter, die er mir gerne angetraut hätte. Er wollte, dass ich seine Tochter zur Frau nehme und dann seine Schmiede weiterführe." Der Schmied verstummte, den Blick auf den Hammer gesenkt, irgendwo in seiner Vergangenheit verloren.

 

Nach einer Weile fragte Kajer leise. "Was hat das mit den Schwertern zu tun?" Seufzend antwortete Thurbold "Ich habe sie gestohlen." Eldryn traute seinen Ohren nicht. 'Was hat Thurbold getan? Der ehrenhafteste Mann des Dorfes?'  Wie ein Echo auf Eldryns Gedanken fragte Kajer beinahe dasselbe. "Du hast sie gestohlen?" Unglauben zierte die Stimme des Jungen. "Gestohlen..." bejahte Thurbold ganz ruhig, schien dabei aber noch ein Stück in sich zusammenzusinken. Eldryn sah ihm an, dass er sich über diese Tat, die einige Jahrzehnte zurückliegen musste, sehr schämte. "Aber was hätte ich tun sollen?" fuhr Thurbold plötzlich auf. "Ich wollte Fjola nicht zum Weib. Ich wollte davonziehen, mit dem Segen des Meisters und meinem wohlverdienten Gold in der Tasche. Er gab es mir nicht. Also stahl ich die Schwerter aus seiner Truhe und verschwand eines Nachts." Thurbold beruhigte sich wieder und erzählte weiter während die Feuer langsam zu einem Glimmen niederbrannten. Rot wie Blut warf es sein Licht auf die beiden Gestalten am Tisch. "Ich habe nicht einmal versucht sie zu verkaufen. Denn ich hatte Angst, dass jedermann sie als Moslins Eigentum erkennen würde. Dabei hatte der Alte sie damals selbst nur gekauft, nicht geschmiedet. Von einem Mann in zerrissenem Mantel, dem er wohl noch einen Gefallen schuldete. Jedenfalls lagen die Waffen seit Jahren in der Truhe der Schmiede und Moslin hatte, seit er sie gekauft hatte, nicht einen Blick mehr in sie geworfen. Ich war mir sicher, dass er das auch nicht am Morgen nach meinem Verschwinden tun würde. Trotzdem habe ich sie behalten. Vielleicht wegen des schlechten Gewissens. Vielleicht aber auch um mich selbst jeden Tag an meine Schande zu erinnern".

 

Die Stimme verklang, ging unter im leisen Heulen des Windes, der draußen um die Schmiede fegte und der ohnehin ungewohnten Situation etwas Melodramatisches zu geben schien. Ein Fensterladen klapperte, als Kajer antwortete. "Du bist also hierher gezogen und hast Mutter zur Frau genommen." Eldryn blickte zu dem klappernden Fensterladen. Er störte ihn, denn er wollte alles hören, was es zu hören gab von diesem unglaublichen Gespräch. Plötzlich entdeckte er die Hand daran. Sie hielt den Fensterladen fest. Gleich darauf erschien eine Kapuze vor dem Fenster. 'Bolek' erkannte Eldryn und hielt erschrocken den Atem an. Zwar konnte der Junge die Augen des Alten nicht sehen, aber er war sich sicher, dass dieser ihn direkt anblickte. "Weiß sie denn davon?" hörte er Kajer weiterfragen. Die Kapuze verschwand, die Hand ebenso, fast schien es als würde sie Eldryn winken. "Nein." antwortete der brummende Bass des Schmiedes. "Und ich werde es ihr nicht sagen." Dabei blickte Thurbold zu seinem Sohn auf, als hoffe er auf ein Zeichen von diesem, jenes ihm zu verstehen gab, dass auch Kajer sich daran halten wollte. Aber der gab kein Zeichen, sondern blickte stumm auf seinen Vater hinab.

 

Eine kleine Ewigkeit schien zu verstreichen. 'Wenn ich mich zur Tür schleiche, sie öffne und gleich darauf wieder zuschlage werden sie denken ich käme von draußen rein.' überlegte Eldryn fieberhaft. Ihm war bewusst, dass es durchaus schief gehen konnte, aber er durfte sich einfach nicht erwischen lassen. "So sei es." sprach Kajer, griff wieder nach den Waffen und wickelte sie langsam in das Leder. "Ich werde sie hier in der Schmiede verstecken. Du hast für deine Tat genug gebüßt." Erleichtert und gleichsam erstaunt schaute Thurbold ihm zu, ließ ihn aber gewähren. Eldryn nutzte die Gelegenheit und tastete sich auf Händen und Knien durchs Halbdunkel. Das leise Knistern der Kohlen kam ihm währenddessen recht, Thurbold und Kajer waren abgelenkt. "Erlaubst du mir eine der Waffen zu behalten?" Kaum hatte Kajer die Frage ausgesprochen, richtete Eldryn sich an der Tür auf und blickte zu den beiden. Zwei der drei Waffen waren verschwunden, aber Kajer hielt das Schwert noch in den Händen. Der Griff war zu groß, um in seinen Händen zu verschwinden, das Leder vollständig um die Klinge gewickelt. Trotzdem erschien Kajer Eldryn plötzlich bedrohlich, vor allem der Schatten, den er warf. Eldryn griff nach dem Riegel, zog die Tür behutsam einen spaltbreit auf und hielt den Atem an. "Nein." hörte er den Schmied. Das war sein Zeichen. Er schlug die Tür zu und schüttelte sich.

 

"Verdammt kalt." brummte er und tat so, als würde er sich Schnee von den Schultern klopfen, als ihm plötzlich siedend heiß wurde. 'Fällt den beiden auf, dass ich gar nicht draußen war? Erkennen sie, dass sich weder im Haar noch auf den Gewändern Schnee findet?' Er fuhr mit seinem Schauspiel fort und kam dabei näher, aber zu seiner unendlichen Erleichterung achteten sie kaum auf ihn, sondern wandten sich im Gegenteil hastig von ihm ab. Kajer verstaute das Schwert an seinem gewohnten Platz an der Wand, während der Schmied sich erhob und den Hammer achtlos auf den Tisch warf. "Wir wollen für jetzt nach Hause gehen. Mir ist kalt und die Feuer sind niedergebrannt. Bis unser Braunschopf die Flammen wieder in Gang gesetzt hat, schlägt es bereits zur Mittagsstunde." Kajer nickte lediglich und folgte seinem Vater am anderen Heranwachsenden vorbei nach draußen. Eldryn sah sich um. Er konnte sich ungefähr denken, wo der Sohn des Schmieds die beiden Dolche versteckt hatte, traute sich jetzt aber nicht danach zu suchen. Für ihn stand fest, dass er sie sich ansehen musste. Aber nicht jetzt, es würde zu sehr auffallen, wenn er plötzlich ungewohnt fleißig in der Schmiede verbleiben würde. Rasch lief er zu den Fässern, hob die Nägel auf und brachte sie zur Werkbank, um den Beiden anschließend ins Haus zu folgen.